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ArtenvielWALD - fast verschwundene Waldform entsteht in Thüringen neu

11.01.2017

Der Niederwald - ein neues Projekt der Stiftung Naturschutz Thüringen am Grünen Band

Der Niederwald entwickelte sich im 10. Jahrhundert. Er ist eine der ersten Formen der geregelten Forstwirtschaft. Die Waldfläche wird in gleiche Teile aufgegliedert, die reihum bewirtschaftet werden und bei denen nach 15 Jahren wieder mit der Nutzung der ersten Teilfläche begonnen wird. Die dabei entstehende Forststruktur wird Flächenfachwerk genannt.
Der Niederwald entstand aus dem seinerzeit wachsenden Brennholzbedarf in Dörfern und Städten. Diese Waldnutzungsform ermöglichte es, die benötigte Holzproduktion nachhaltig zu sichern. Brennholzniederwälder bestanden aus Hainbuche, Buche, Eiche, Haselnuss, Birke, Aspe und Weide. Man machte sich die Fähigkeit dieser Baumarten zu Nutze, nach der Fällung aus dem Wurzelstock wieder austreiben zu können. Noch um 1900 waren 13% der Fläche Deutschlands mit Niederwald bedeckt. Heute ist der Brennholzbedarf weit geringer als noch vor Hunderten von Jahren. Weniger als 1% der Fläche Deutschlands weist heute Niederwald auf.

Mit dem "Niedergang" der Niederwaldwirtschaft gingen auch Lebensräume für Tiere und Pflanzen verloren, die in gleichem Maße Licht wie Schatten benötigen. Solchen Arten ist es im Hochwald zu dunkel und auf Wiesenflächen zu strukturarm. Für lichtliebende Arten Wiesenflächen zu schaffen, wo sich bereits Baum- und Strauchbewuchs entwickelt hat, ist zudem sehr aufwendig und lohnt sich nur dort, wo nachhaltig eine extensive Grasnutzung gesichert werden kann. Hier stellt der Niederwald mit seinem überschaubarem finanziellen und dem geringen bis gar nicht vorhandenen jährlichen Pflegeaufwand eine interessante Alternative dar. Niederwald gestaltet die Landschaft und bietet vielen Tier- und Pflanzenarten neuen Lebensraum.

Im Grünen Band besteht nun die Möglichkeit, diese alte Waldnutzungsform wieder zu begründen.

Im Kreis Schmalkalden-Meiningen wie auch anderswo in Thüringen besitzt die Stiftung Naturschutz Thüringen seit 2010 Flächen im ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen. Dazu gehören auch Waldflächen wie ein ca. 11 ha großer Bereich in der Gemarkung Schmerbach. Hier startet die Stiftung Naturschutz Thüringen in diesen Tagen ein langfristig angelegtes Niederwaldprojekt. Der Gehölzaufwuchs soll alle 10 bis 20 Jahre flächig “geerntet“ werden. Die nachwachsenden Bäume werden also nicht alt, erreichen nur eine geringe Höhe und bilden einen Niederwald. Absicht des Projektes ist es, wieder Lebensraum für viele seltene und bedrohte Arten zu schaffen. In einem Niederwaldsystem ändert sich das Artenspektrum langsam und stetig. In den ersten Jahren nach der Holzernte werden sich neben vielen selten gewordenen Pflanzen wie Orchideen, Türkenbund, Heidekraut und Seidelbast vor allem zahlreiche Spinnen- und Insektenarten wie Schrecken, Schmetterlinge, Ameisen in den entstandenen lichten Bereichen ansiedeln und ausbreiten. Dies zieht Vogelarten wie Neuntöter, Raubwürger, Heckenbraunelle, Rehhuhn und Waldschnepfe in die offenen Flächen des Niederwaldes, die vom Insektenreichtum profitieren. Mit zunehmendem Aufwuchs der Bäume werden Hase, Rehwild und Wildkatze Deckung und Nahrung im Wald finden. Und bevor es zu einem geschlossenen Kronendach und einer kompletten Verschattung des Areals kommen kann, beginnt nach 15 Jahren mit der nächsten Holzernte der Zyklus der Artenvielfalt von neuem.